Psychologin über ein Jahr Corona: Wir mussten uns in dieser Krise persönlich verändern

Zeuthen. Sandra Jankowski ist Psychologin und betreibt eine Praxis in Zeuthen. Im Interview erzählt die 46-Jährige von ihrem Arbeitsalltag in der Pandemie, um wen sie sich besonders sorgt – und was die Krise mit unserer Psyche gemacht hat.

Frau Jankowski, was vermissen Sie derzeit eigentlich am meisten?

Sandra Jankowski: Mittlerweile vermisse ich es wirklich, mit Freunden abends in einer gemütlichen Runde zu sitzen und sich zu unterhalten. Oder eben auch ins Restaurant zu gehen und etwas Leckeres zu essen. Vor einem Jahr erreichte das Coronavirus Dahme-Spreewald.

Wie hat sich die Pandemie auf Ihre Arbeit als Psychologin ausgewirkt?

Das hat sich sehr stark ausgewirkt. Am Anfang war erst einmal eine große Verunsicherung zu spüren – da kamen weniger Patienten, weil sie erst einmal abwarten wollten. Aber mittlerweile ist die Nachfrage zu groß und die Leute finden kaum noch einen Therapieplatz. Auch ich habe kaum noch Kapazitäten. Ich habe mittlerweile eine neue Mitarbeiterin als Therapeutin beschäftigt, um dieser Anfrage überhaupt Herr zu werden.

Was ist es denn, was die Leute bewegt? Welche Sorgen bringen Sie derzeit mit?

Beobachtbar ist, dass einige Patienten, bei denen man das Gefühl hatte, dass sie auf einem guten Weg sind, bei der zweiten Welle noch einmal einen Rückfall hatten. Da hat sich die psychische Störung der Patienten verschlimmert. Und dann ist da die starke Verantwortung, die etwa bei Alleinerziehenden oder Familien mit kleinen und schulpflichtigen Kindern die Sorgen und Belastung verstärkt hat – etwa durch das Homeschooling. Durch die Isolation haben sich auch die psychologischen Problematiken wie Depressionen verstärkt, weil man sich nicht mit Freunden treffen kann, weil man sich vom Rest der Welt zuhause abgeschottet hat, weil man nicht weiß, wann das alles vorbei ist. Dann kam auch noch die Winterphase mit wenig Sonne und Vitamin D hinzu. Da erlebe ich auch, dass es jetzt wieder etwas bergauf geht, weil der Frühling kommt. Hinzu kommen jetzt Lockerungen, etwa im Handel.

Wie sind die aus psychologischer Sicht zu werten?

Das ist definitiv positiv zu werten. Die Leute schöpfen wieder mehr Hoffnung, dass Corona und die Beeinträchtigungen bald vorbei sind. Und das gibt schon wieder etwas Aufwind.

Wir blicken auf ein Jahr Corona-Krise zurück, ein Jahr im Ausnahmezustand. Was hat das mit unserer Psyche gemacht?

Das ist noch nicht so recht abschätzbar, vor allem was die Kinder angeht. Fakt ist, dass die Corona-Krise einer Anpassungsstörung gleichkommt. Wir mussten uns in dieser Krise persönlich verändern, das war eine existenzielle Erfahrung – für manche immer noch. Und wenn Menschen traumatische Erfahrungen erleben, ist es so: Der eine schafft es besser und der andere hat mehr Schwierigkeiten, die Krise zu verarbeiten. Das nennt sich dann Anpassungsstörung – und macht sich unter anderem bemerkbar durch Unruhe, Schlafstörungen, Interessenverlust, oder Reizbarkeit. Aber auch durch sozialen Rückzug, dass Menschen gar nicht mehr auf andere zugehen wollen.

Kann man auch sagen, dass es einen Anstieg von psychischen Erkrankungen gibt?

Laut einer Studie „Psychische Gesundheit in der Krise“ der Pronova BKK berichten zwei Drittel der befragten Psychiater und Therapeuten, dass sie mehr Anfragen nach Therapieplätzen aufgrund der Krise haben. Davon kann ich jetzt nicht 100 Prozent ausgehen, ich kann nur von meiner Praxis sprechen. Da haben die Anfragen deutlich zugenommen, obwohl ich davon ausgehe, dass auch Therapien verschleppt werden und aufgrund der wenigen Therapieplätze nicht behandelt werden.

Gibt es denn Menschen, um die Sie besonders Sorge haben?

Ich mache mir Sorgen um die Kinder, Alleinerziehende, aber auch pflegende Angehörige und Menschen, die selbst von Pflegediensten abhängig sind. Und um Corona-Betroffene, denn sie sind auch wegen der Erkrankung psychisch beeinträchtigt. Bei Ihnen hat sich eventuell eine Posttraumatische Belastungsstörung oder das Müdigkeits- oder Erschöpfungssyndrom entwickelt. Welche psychischen Langzeitfolgen die Corona-Infektion auslöst, ist zudem noch gar nicht so erforscht. Und dann ist da auch die Gruppe der Menschen, die an einer depressiven Episode leiden, sie isolieren sich womöglich noch viel mehr und sprechen mit niemandem über ihre Belastung.

Wenn wir irgendwann auf diese Krise zurückblicken: Werden wir vielleicht auch etwas Positives für unsere Psyche mitgenommen haben?

Das ist natürlich eine schwierige Frage. Ich mache ja auch Paartherapie und habe tatsächlich in der ersten Welle oft erlebt, dass es die Partner mehr zusammengeschweißt hat. Im Sinne von: Wir meistern jetzt die Krise und schaffen das. Und dann fanden es viele ganz schön, nicht mehr diesen Freizeitstress zu haben: Nicht ständig zu diesem Geburtstag oder zu jener Einladung zu gehen. Das habe ich generell gemerkt: Dass Menschen, die sehr viel Freizeitstress hatten, sich wieder etwas mehr auf sich besinnen und zu sich finden konnten. Und das hat sich auch teilweise positiv ausgewirkt.

Gibt es denn etwas, was Sie den Leuten mitgeben können? Das hilft, um die Zeit gut zu überstehen?

Sporttreiben. Das schüttet Glückshormone aus und macht zufrieden, wenn man das regelmäßig macht. Und Spazierengehen an der frischen Luft, um die Vitamin D-Produktion anzukurbeln – auch wenn das Wetter vielleicht nicht so toll ist. Dann haben sich auch Achtsamkeitsübungen oder gezielte Entspannungsverfahren wie etwa die Progressive Muskelrelaxation bewährt, aber auch Lachyoga. Ansonsten ist es einfach wichtig, dass man sich wirklich etwas Gutes tut. Dass man sich nicht zu sehr den negativen Gedanken hingibt und darauf fokussiert.

Interview: Johanna Apel

In: Märkische Allgemeine vom 12.03.2021, S. 15